Tagebuch schreiben für leute, die denken tagebuch schreiben ist BLödsinn

Nachdem du hoffentlich kaum noch Nachrichten schaust, habe ich eine kleine Gewohnheit für dich, die du stattdessen einbauen kannst:

Ein Tagebuch führen!

Tagebuch führen? Ist für Teenager!

Fokussierter, klarer, ausgeglichener, du hinterlässt etwas, gehst besser mit Tiefschlägen um, bist kreativer - bei all dem kann dir das Tagebuch schreiben helfen und dennoch:

Tagebuch schreiben hat in unseren Breitengraden nicht den besten Ruf. Als ich zum ersten Mal mit Tagebuch schreiben in Kontakt gekommen bin war ich auch überrascht, dass jemand Erwachsenes damit seine Zeit vergeuden würde. 

Es war niemand geringeres als Sir Richard Branson. Der Milliardär mit der Insel und der Airline. Und nebenbei ist er lebenslanger Tagebuchschreiber. Steht in seiner Biografie. Durch dieses Buch bin ich auf Nelson Mandelas Biografie aufmerksam geworden.

Auch Nelson Mandela schrieb sein ganzes Leben lang Tagebuch.

Genauso wie Thoreau, oder Isaac Newton, Abraham Lincoln oder Andy Warhol. Leonardo Da Vinci, Marcus Aurelius, Charles Darwin, Winston Churchill, Benjamin Franklin, Ernest Hemingway oder Albert fucking Einstein.

Hier ist sein Tagebuch:

Warum würden solche Genies Ihre Zeit vergeuden mit etwas, dass keinen Nutzen hätte und unter normalen Umständen niemals jemand sehen würde?

Der Nutzen des Tagebuchs (Labor)

Tagebuch schreiben wird ein ganzer Haufen positiver Auswirkungen nachgesagt, die durch Studien bestätigt worden sind wie: 
- Reduzierte Stresslevel
- Hilft beim Lösen von Problemen 
- Förderlich gegen Angsststörungen
- Sogar dem Immunsystem soll es helfen

Na dann.

Mich hauen solche Resultate nicht wirklich vom Hocker. In allen Studien in denen Menschen irgendetwas positives machen, kommen doch irgendwie die gleichen Dinge raus. 

Egal ob es Yoga ist oder Spazierengehen. Und eine Tafel Schokoloade reduziert meinen Stress auch. 

Der Nutzen des Tagebuchs (Real life)

Ich bin jetzt auch schon ein paar Jahre dran, mal mehr und mal weniger. Das sind meine Erfahrungen:

Emotional Scheibenwischer

Manchmal wache ich auf und bin einfach angepisst. Schlecht drauf. Warum auch immer. Das ist zwar normal, aber nicht schön. Das beste was man in dieser Situation machen kann ist aus seinem Kopf heraus zukommen.

Wenn ich aufschreibe warum ich mich so fühle, wie ich mich fühle und es auf Papier sehe, dann löst es sich oft einfach auf. Das Papier ist mein Raum und ich kann mich aufregen und es rauslassen und dann darf auch die Bleistiftmine brechen. Das ist alles ok. 

Danach geht es mir besser und ich sehe klarer. Und das bringt uns zum nächsten Punkt.

Klarheit 

Wenn ich meine Gedanken nicht aufschreibe, dann wälze ich sie nur im Kopf herum. Aber vorwärts bewege ich mich nicht. Wie ein Wiederkäuer kommen die selben Gedanken immer wieder hoch. Immer wieder hoch. Immer wieder hoch. Es dreht sich alles nur im Kreis.

Wenn ich sie aber aufschreibe, dann kann ich sie entwickeln.  

Heureka! Allein das ist es schon wert sich Notizen zu machen an einem Ort. Was wiederrum nichts anderes ist als ein Tagebuch. 

Lernen aus Erfahrungen

Wenn ich nicht über Erfahrungen schreibe, kann ich es nicht verarbeiten.

Mein Buch ist im Endeffekt ein erweitertes und öffentliches Tagebuch (das aus meinen Tagebüchern entstanden ist.) 

Ein Erlebnis tatsächlich zu verarbeiten (und nicht nur zu verdrängen) geht für mich am besten schriftlich. Wenn ich mit jemanden darüber spreche hilft es sicher auch. Aber alleine vor Papier,  brauche ich mir keine Gedanken über Feedback machen, über die Meinung des anderen. Unterhaltungen sind wichtig, aber Unterhaltungen mit dir selbst auf Papier, sind die beste Therapie. 

Alles geht vorbei

Das Leben pflastert weder dir noch mir den Weg mit Sonnenblumen und Marienkäfern.

Unglück passiert.

Ich habe einige Probleme auf Papier gebannt. In den Momenten hat es sich so angefühlt, als ob mein Leben nie wieder das Gleiche sein würde.

Aber dann, ein wenig später, oder manchmal auch länger, da blätter ich durch die Seiten und was damals mein Leben bedrohte fühlt sich nur noch an wie eine verblasste Erinnerung.

Für mich ist das die wichtigste Lektion aus dem Tagebuch schreiben: Das Leben geht weiter. Egal was passiert. Es gibt mir Zuversicht. Es ist viel passiert und ich bin hier. Und es wird noch viel passieren. Aber: auch das wird vergehen. 

Dokumentation

Und aus all diesen Erlebnissen und Episoden ergibt sich diese Geschichte, die mein Leben ist. Erinnerungen täuschen uns und sind vage. Auf das geschriebene Wort kannst du dich viel besser verlassen. 

Meine Oma, nicht lange bevor sie gestorben ist, sagte mir, sie bereut nur nie Tagebücher geschrieben zu haben.

Mir gefällt der Gedanke, dass meine Kinder, sollte ich mal welche haben, durch die Seiten blättern können. Wir können unsere Eltern nie so sehen, wie "normale" Menschen. Dafür ist die Beziehung zu komplex. 

Aber ich glaube, wenn Sie in meinen Tagebüchern blättern würden, würde es sie näher an mich heranbringen. Vielleicht wäre es auch zu nahe, wenn sie über die Verdauung und das Sexleben ihres Vaters lesen würden.

Tagebuch schreiben? Kannst du das überhaupt? 

Was hab ich schon zu schreiben?
Und wenn ich schreibe, ist es dann nicht peinlich?

Diese Fragen sind leicht zu entwaffnen. Du dokumentierst dein Leben. Wenn es nicht wert ist aufgeschrieben zu werden, solltest du vielleicht etwas an deinem Leben ändern?

Und peinlich? Es ist für dich. Es geht nicht um Prosa, sondern darum deine Gedanken aus deinem Kopf auf Papier zu bringen.

Wo schreibe ich am besten Tagebuch?

Nichts schlägt das Gefühl auf Papier zu schreiben. Außerdem kann man kleine Erinnerungen wie Boarding Pässe oder die Rechnung aus dem Restaurant, wo die Pasta so gut war und aus einem Glas Wein zwei Flaschen wurden, hineinlegen. Das macht es noch echter. 

Ich drucke auch manchmal Bilder aus und klebe sie rein.

Das ganze soll Spaß machen! 

Ich liebe die Notizbücher von Leuchtturm

Nerd Bonus Tipp:

Ich halte meine Gedanken zu einem Thema gerne zusammen. Wenn ich also über das Schreiben schreibe oder Beziehungen, oder Menschen, die mir wichtig sind, dann fotografiere ich meine Einträge ab und speicher sie in Evernote. So finde ich sie an einem Platz und nicht in 37 Tagebüchern verstreut.

Wie starte ich am besten?

Tagebuch schreiben ist eine Gewohnheit wie jede andere. Und am besten etabliert man eine Gewohnheit, wenn man es für einen festen Zeitpunkt jeden Tag macht. Am besten 30 Tage lang.

Für mich funktioniert es am besten morgens nach dem Aufstehen. Wenn du eher ein Nachtmensch bist, kann es auch vor dem Schlafen gehen sein. Das hat übrigens positive Auswirkungen auf deinen Schlaf, da deine Gedanken aufgeschrieben sind, dreht sich das Gedankenkarusell langsamer. 

Über was soll ich überhaupt schreiben?!

Vorab: Es gibt keine Regeln zum Tagebuch schreiben. Es ist deine persönliche Spielwiese auf der du deinen Gedanken freien Lauf lassen kannst und sollst. Die folgenden Ideen sollen dir helfen, die Angst vor dem weißen Papier zu bannen. Am wichtigsten ist es einfach loszulegen. Der Rest kommt von allein.

Irgendetwas dokumentieren

Das ist das am einfachsten. Dokumentiere etwas. Jeden Tag.
Wie viel Stunden hast du geschlafen?
Wie viel Sport hast du gemacht?
Was hast du gegessen?
Zu wie vielen Menschen warst du freundlich gestern?
Wie viel Geld hast du ausgegeben?
Was hast du gelesen?
Was ist dir heute schönes passiert?

Kleinigkeiten dokumentieren erlaubt dir einfach loszulegen ohne viel nachzudenken und außerdem änderst du damit dein Verhalten:

Das passiert in dem Moment in dem du beobachtet wirst (und sei es nur von dir selbst). 

Probier es aus.

Dankbarkeit 

Es ist ziemlich gut erforscht, das kultivieren von Dankbarkeit eine Abkürzung zum guten Leben ist.

Außerdem fühlt es sich verdammt gut an Dankbarkeit zu spüren. 

Und eine der besten Übungen zum Dankbarkeit kultivieren ist ein Dankbarkeitstagebuch.

Stufe 1:
Schreibe jeden Tag 3 Dinge auf über die du dankbar bist. Halte das für 30 Tage durch und blätter durch deine Notizen: Was für ein tolles Leben du doch hast!

Stufe 2:
Gesundheit, friedliche Zeiten, keinen Hunger leiden zu müssen. Alles offensichtliche Dinge für die man dankbar sein sollte (Und es ist sehr gut sich das in Erinnerung zu rufen).

Aber versuche kleine Dinge zu finden.

In letzter Zeit war ich dankbar für 10 gesunde Finger (ein Freund hat sich die halbe Fingerkuppe abgesäbelt. Das würde nerven!).

Oder ich war dankbar für meine Nieren und Blasen. Wie gut ist es schmerzfrei pinkeln zu können?! Wer weiß ob das immer so sein wird?

Stufe 3:

Finde Dinge, die im ersten Moment ärgerlich sind.
Dinge, die gegen dich laufen.

Die besten Lektionen kommen nicht von rosaroten Tagen. Sie werden geboren aus Enttäuschung, Versagen, oder einfach nur aus Pech.

Aber es muss keine Lebensverändernde Offenbarung sein. Heute wollte ich Tennis spielen. Aber auf dem Platz waren keine Netze. Ärgerlich!
Aber nicht weit von dem Platz haben wir ein kleines Cafe entdeckt. Mein neues Schreibcafe!

Good, Better, Best

Eine weitere schöne Übung!

Schreibe jeden Tag etwas auf, dass gut war.

Good: Heute bin ich mit diesem Artikel gut voran gekommen.
Dann folgt etwas wie es besser sein könnte:
Better: Ich hätte früher starten können, um diesen Flow besser nutzen zu können.
Best: Finde einen anderen Ort, wo du schon früher gut schreiben kannst.

Ich liebe diese Übung!  weil sie verbessert mich in kleinen Mini Schritten. 

Es passiert mir so oft, dass mich etwas nervt, ich es aber nicht ändere. 

Vielleicht nervt dich der Verkehr morgens.Was wäre besser? Nicht im Verkehr dein Leben zu verschwenden. Was wäre am Besten? Den Chef fragen, ob es möglich ist mehrere Tage Home Office zu haben. Oder morgens von Zuhause zu arbeiten. Oder Nachmittags. Und schon hat sich deine Lebensqualität verbessert. 

Durch Probleme arbeiten

Willkommen in der Königsdisziplin!
Wenn du vor den großen Fragen des Lebens stehst, dann beantworte sie auf Papier.

Soll ich nach einer Gehaltserhöhung fragen?

Soll ich mir das neue Auto kaufen?

Soll ich nach Australien auswandern?

Was erwartest du dir davon? Was sind die Risiken? Was ist das schlimmste das passieren kann? Würdest du es bereuen, wenn du in einem Jahr sterben würdest?

Beantworte diese Fragen nach besten Wissen und Gewissen und lass die Antworten für ein paar Tage stehen. Danach schaust du dir die Antworten an und betrachtest sie kritisch. Neue Fragen werden aufkommen und du machst genau das gleiche wieder.

Wirst du so immer die richtige Antwort finden?

Nein. Aber du hast deinen Gedankenprozess dokumentiert. Im Nachhinein wirst du sehen können, wo du falsch abgebogen bist oder was du übersehen hast.

Und beim nächsten Mal wird deine Entscheidung schon ein bisschen besser sein.

Fazit

Ich weiß das alles und dennoch passiert es mir immer wieder, dass ich teilweise Monate nicht schreibe. Und jedesmal, wenn ich wieder auf den Tagebuch Express aufspringe, merke ich wie sehr es mir gefehlt hat. 

Ruhiger, ausgeglichener, klarer, ich genieße Momente doppelt, wenn ich sie aufschreibe und ich bin froh, dass ich sie so nicht vergessen werde. 

So legst du los!

Lust loszulegen? So wirst du zu einem Tagebuchschreiber wie Einstein:

1. Versuche mindestens 30 Tage jeden Tag zu schreiben. 

2. Besorge dir ein Notizbuch (Tipp: Leuchtturm)

3. Bestimme einen festen Zeitpunkt an dem du schreibst.

4. Finde etwas, dass du jeden Tag leicht dokumentieren kannst

5. Wenn du mehr schreiben möchtest - mach es! 

6. Nach 30 Tagen: Fühlt es sich gut an? Wenn ja, dann willkommen im Tagebuch-Club!  

Was hältst du vom Tagebuch schreiben? Verrate es mir in den Kommentaren!

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  • Theo sagt:

    🙂 Schöner Newsletter … Schönes Wochenende!

  • Stefan, jetzt bin ich schon ganz nahe dran. Ich habe es mein Leben lang bemängelt, nicht Tagebuch zu schreiben (schreiben zu können), da ich mir einbilde, eine Handschreib- und Sprachenlern-Hemmung zu haben (nach einem Ertrinktrauma), so vermisse ich diese Begabungen sehr.
    Jetzt habe ich mir gleich während des NL-lesens ein schönes „Writebook“ mit Bleistift vor die Tastatur gelegt, um mich daran zu erinnern, dass die Zeit gekommen ist, mein Leben täglich zu reflektieren.
    Danke Stefan.
    P.S. Denk an unseren Vorlese-/Film-Vortrag-Ausmach-Termin …

  • Claudia sagt:

    Ich bereue, nicht durchgehend Tagebuch geschrieben zu haben. Bis 20 habe ich immer wieder mal geschrieben, worüber ich froh bin. Ich bin auch froh, über meine Kinder wenigstens manchmal etwas aufgeschrieben zu haben. Beispielsweise ist mir schon bewusst, dass ich eines meiner Kinder lange gestillt habe. Ich habe aber völlig vergessen, dass das Kind von mir noch gestillt wurde, als es schon Sauerbraten essen konnte. Das hat mich dann doch etwas schockiert, als ich diese Aufzeichnung gelesen habe. Tagebuchschreiben hilft auch beim Abnehmen: Ein schönes kleines Notizbuch, in dem jede einzelne Kalorie und jeder noch so kleine Sport aufgeschrieben wird, ebenso das tägliche Gewicht. Ich habe mich einfach gefreut, wenn die tägliche Kalorienzahl ok war. Das hat mich motiviert, obwohl mir völlig klar ist, dass Kalorienzählen kompletter Unsinn ist. Das konnte ich aber gut ausblenden. Dazu war es einfach zu schön, es schwarz auf weiß zu haben, dass man wirklich wochenlange KEINE SÜSSIGKEITEN gegessen hat.

  • TomTom sagt:

    Danke für den Freitags Newsletter! Kann man auch Samstags noch lesen…

  • Harald sagt:

    Ich sage heute einfach nur Danke für den inspirierenden Newsletter 🙂

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